Schwester Francesca Hannen leitet das internationale Studentenwohnheim Maria Stern und lebt mit Patres in einer WG

Von Jasmin Siebert

Wie eine übergroße Akupunkturnadel steckt der zweieinhalb Meter hohe Friedenspfahl im Boden neben dem Eingang zum internationalen Studienheim Maria Stern in Schwabing. „Möge Frieden auf Erden sein“ steht in mehreren Sprachen darauf. Für Schwester Francesca Hannen, die das Wohnheim leitet, ist der Pfahl immer wieder eine Erinnerung an ihre Vision von einer friedvolleren Welt.

Schon als Kind waren globale Gerechtigkeit und Frieden in der Welt wichtige Themen für sie, über die sie mit ihren Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof bei Neuss in der Nähe von Düsseldorf diskutierte. Als Jugendliche beschloss sie, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Doch es kam anders: Die Ordensschwester der Missions-Dominikanerinnen zog nicht hinaus in die Welt, sondern lebte die meiste Zeit im Kloster Schlehdorf und in München. Heute kommen die Menschen vieler Nationalitäten zu ihr. Als Wohnheimsleiterin betreut die katholische Ordensschwester Studenten aus aller Welt. Daneben arbeitet die studierte Sozialarbeiterin beim katholischen Verband In Via, dort begleitet sie junge Geflüchtete während ihrer Ausbildung.

Ordensschwester – eine Bezeichnung aus einer anderen Zeit. Heute gibt es kaum noch junge Menschen, die sich für ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und in Gehorsam gegenüber Gott entscheiden. „Viele Ordensgemeinschaften weltweit befinden sich im Sterbeprozess“, sagt Schwester Francesca und fügt hinzu: „wir auch.“ Nur noch 36 Schwestern leben im Kloster Schondorf, dessen Provinzoberin sie seit 2011 ist, das Durchschnittsalter liegt bei 80 Jahren. Mit ihren 52 Jahren ist Schwester Francesca die Jüngste.

Sie war gerade 18 Jahre alt geworden, als sie sich entschloss, ins Kloster zu gehen. Ihre Familie und Freunde waren entsetzt. Dabei konnte es sich Schwester Francesca nach ihrem ersten Besuch im Kloster selbst noch nicht vorstellen, dort einzutreten. Sie schrieb Briefe mit einer Schwester, ihr Entschluss reifte langsam. Damals lebten noch 70 Schwestern im Kloster Schlehdorf, junge wie alte, und betrieben zwei Schulen. Schwester Francesca war umgeben von einer Gruppe junger Schwestern, sie war mit Eifer dabei, „einer Verliebtheit fast, die mein Leben bestimmte“. Gedanken um die Zukunft machte sie sich nicht. „Wir konnten uns nicht vorstellen, dass so wenige nach uns kommen“, sagt sie.

Auch bei ihr gab es Zeiten, in denen sie an ihrer Entscheidung zweifelte. Sie hatte nach einem Fahrradunfall eine lebensbedrohliche Gehirnblutung und konnte fünf Jahre lang nicht arbeiten. Sie litt unter Konzentrationsstörungen. Noch heute ist ein Augenmuskel gelähmt, manchmal sieht sie doppelt. In der Zeit fragte sie sich: „Was ist dein Wert, wenn du nichts leisten kannst?“ Dabei war sie doch eigentlich ins Kloster eingetreten, um der Konsum- und Leistungsgesellschaft zu entkommen. Noch während sie in Reha war, verschwand die von ihr sehr geschätzte Noviziatsleiterin einfach aus dem Kloster. Als dann immer weniger und irgendwann gar keine Novizinnen mehr nachkamen, machten sich die Nonnen anfangs gegenseitig Vorwürfe, sie hätten zu wenig gebetet. Heute glaubt Schwester Francesca, dass sich die Zeiten einfach gewandelt haben: Der Staat hat mehr Fürsorgeaufgaben übernommen und Frauen können auch ohne Ehemann frei leben.

Schwester Francesca blieb trotzdem und schlug noch einmal einen ganz neuen Weg ein. Anstatt dem Rat der Ärzte zu folgen und Frührente zu beantragen, studierte sie soziale Arbeit. Nebenbei baute sie das Projekt „Missionare auf Zeit“ auf, ein Vorläufer des Weltwärtsprogramms der Bundesregierung, das jungen Menschen ermöglicht, ein Jahr im Ausland zu verbringen.

Der Nachwuchsmangel bei den Nonnen führte aber auch zu neuen, kreativen Formen des Zusammenlebens. Seit fünf Jahren lebt Schwester Francesca in einer gemischtgeschlechtlichen Gemeinschaft mit zwei Patres und einer Schwester der Steyler Missionaren und zwei Dominikanerinnen. „Dass Brüder und Schwestern so eng zusammenleben, ist schon außergewöhnlich“, sagt sie. Nur eine zweite derartige Ordensgemeinschaft soll es in Deutschland geben. Sie nennen sich Jetzt-Gemeinschaft, es soll eine Mahnung sein, sich nicht so viele Sorgen um die Zukunft zu machen. Denn auch das Leben der Schwestern und Brüder ist seit einigen Jahren von Unsicherheit geprägt.

Zehn Jahre lang leitete Schwester Francesca das Johannes-Kolleg in München, ein internationales Studentenwohnheim, das 2015 trotz heftiger Proteste geschlossen worden war. Die Studenten kamen in anderen Wohnheimen unter und Schwester Francesca übernahm das internationale Studentenwohnheim Maria Stern. Mit ihren Mitschwestern und Brüdern hat sie die Wohnung im ersten Stock bezogen. Wie in jeder WG gibt es einen Putzplan, die Aufgabenliste allerdings ist um Verantwortlichkeiten ergänzt, die man in normalen WGs nicht findet: „Liturgie“ steht da zum Beispiel. Wer an der Reihe ist, muss sich um das gemeinsame Morgen- und Abendgebet in der Kapelle kümmern, 7.15 Uhr und 18.30 Uhr. An der Wand im Flur hängen Klebezettel mit Aufgaben für die nächsten Monate: ein Grundstück für das neue internationale Wohnheim suchen, einen Dachverband mit anderen Trägern gründen. Denn auch das Studentenwohnheim Maria Stern soll in einem Jahr geschlossen werden, da es moderne Brandschutzauflagen nicht erfüllt.

Und so ist Schwester Francesca wieder auf der Suche nach einem neuen Zuhause. „Gerade in Zeiten, in denen so viele Menschen zu uns kommen, sind Orte wichtig, an denen das Zusammenleben auch geübt wird“, sagt Schwester Francesca. Interreligiöse Veranstaltungen seien nicht ausreichend. Erst wenn man mit dem Andersgläubigen Toilette, Küche und im ersten Jahr sogar das Zimmer teilt, fange man an, wirklich voneinander zu lernen. Das Johannes-Kolleg war so ein Ort, an dem Muslime und Christen zusammen Weihnachten und Ramadan feierten.

Einmal hatte sie mit einem jungen Moslem zu tun, der ihr sagte, sie komme nicht in den Himmel, wenn sie nicht konvertiere. Das erinnerte Schwester Francesca an die Motivation älterer Schwestern, „die wollten auch Heidenkinder bekehren“, sagt sie. Schwester Francesca dagegen möchte das Fremde kennenlernen, ohne das Eigene dabei zu verlieren. Deswegen bewarb sie sich auch für die Arbeit mit Flüchtlingen bei dem Verband In Via, als sich abzeichnete, dass das Johannes-Kolleg geschlossen wird. Es sind überwiegend junge Muslime, um die sich die katholische Ordensschwester nun kümmert. Sie ist überzeugt: „Es ist nicht christlich, wenn die Kirche sagt, wir müssen vorrangig christlichen Flüchtlingen helfen. Dann sind wir eine Sekte und keine Christen mehr.“