Augenspiele

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In alten Gaunerfilmen war ein Bösewicht immer schnell herausgefunden, weil dieser meistens eine Sonnenbrille trug. Hinter den dunklen Gläsern blieben unredliche Gedanken, die der Blick geoffenbart hätte, gut versteckt. Es ist tatsächlich so, dass die Augen kaum etwas verleugnen können, man bezeichnete sie deshalb auch als die Fenster der Seele. Nun leben wir derzeit in einer Phase der halb verdeckten Gesichter und deshalb sind wir - mehr als zuvor - auf die „Sprachfähigkeit“ unserer Augen angewiesen. Und wie wir damit „sprechen“ können! Wir können das wortlos und sogar oft weit unmissverständlicher als mit Worten. Da kann das Gemurmel hinter der Maske auf zwei Meter Abstand noch so freundlich klingen, wenn die Augen dabei nicht mitmachen, wissen wir bestens Bescheid darüber, ob wir gerade willkommen oder unerwünscht sind. Blicken wir während des Sprechens nach oben, so gehen Mimikforscher davon aus, dass wir gerade etwas in unserem Gedächtnis suchen, schauen wir nach unten, dann durchforsten wir unsere Gefühle. Aber auch ohne Fachwissen kann jeder erkennen, dass ein Gespräch bedrohlich wird, wenn sich die Pupillen verengen, andererseits wirken entspannte Pupillen einladend auf einen kleinen Plausch, besonders dann, wenn die sympathischen Lachfältchen auch mitmachen. Der Blick der Augen ist so stark, dass damit ein Computer gesteuert werden kann, für Menschen, die nicht mehr sprechen können, ein wunderbares Geschenk der Technik. In dieser Zeit der verstärkten Augenkontakte zeigt es sich ganz besonders, wie wichtig es ist, unser Denken und Reden mit dem Blick der Augen in Einklang zu bringen – kurz gesagt, dass wir ehrlich und eindeutig miteinander umgehen. Diese Aufforderung ist im Matthäusevangelium kurz und bündig so ausgedrückt: „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein“.

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