Mit Feinden Frieden schließen

von

„Frieden schließt man nicht mit Freunden, sondern mit Feinden“, sagte Außenminister Sigmar Gabriel kürzlich in einem Zeitungsinterview nach dem letzten Attentat in Kabul im Hinblick auf die Taliban. Einen christlicheren Satz hätte er kaum sagen können. „Du sollst deine Feinde lieben“ ist eine Grund-forderung, die Jesus von Nazareth dem Christentum in den Verhaltenskodex schrieb. Eine solche Forderung war schon in älteren Religionen niedergelegt worden, in das Bewusstsein des Abendlandes kam sie mit dem Christentum. Diesen Satz richtete Jesus an sein Volk, das von fremden Mächten besetzt war und das um seine Freiheit kämpfte. Die gewaltsamen Eroberungen der Römer - damals jedenfalls - gründeten nicht auf derartige Menschenfreundlichkeiten. So eine radikale Aufforderung in eine Welt hinein zu sprechen, die vom Überlebenskampf, von Kriegen und von Feindschaften bis heute geprägt war und ist, war nicht Blauäugigkeit. Dahinter steht eine größere Wahrheit als nur vorder-gründige Nettigkeit. „Liebe deine Feinde“ ist ein Satz, der uns Auskunft über die Qualität des eigenen Lebens gibt. Denn dahinter verbirgt sich das Wissen und die Erfahrung, dass Gedanken, Pläne und Vorhaben, die aus einer Grundhaltung von Feindschaft entspringen, eine Brunnenvergiftung im eigenen Menschsein sind. Der Feind, das ist dann nicht mehr der da draußen, der Feind sitzt dann im eigenen Inneren, er hat uns enteignet und von uns Besitz ergriffen. Folgerichtig sagen wir dann schon mal, dass wir uns „angefressen“ fühlen. Nein, das, was Gegner tun, muss nicht toleriert werden. Auch Mahatma Gandhi reagierte auf seine Art auf gegnerische Bedrohung. Feinschaft darf aber nicht unser Herz in Besitz nehmen, unseren Verstand blockieren und uns handlungsunfähig machen. Wir sind in einer Welt vieler Konfrontationen froh um jede Politikerin und jeden Politiker – jedweder Couleur – die Gespräche nicht abbrechen und weiter auf positive Entwicklungen setzen. Tölzer Kurier, Mittwoch, 7. Juni 2017, „Kirchturm“

Zurück