Miteinander sprechen ist unverzichtbar

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Zum 14. Juli 1945 lockerte die amerikanische Besatzung für ihre Soldaten das Fraternisierungsverbot, was besagte, dass damit Gespräche mit erwachsenen Deutschen auf Straßen und Plätzen erlaubt wurden. In der Realität war dieser Erlass von Anfang an nicht eingehalten worden, was wiederum besagt, dass man Menschen nicht voneinander wegsperren kann. Sie wollen miteinander reden, über alle Verbote und Grenzen hinweg, und sie sind erfinderisch genug, es auch zu tun. Videokonferenzen und Telefonschaltungen, das haben wir inzwischen erfahren, sind eine ausgezeichnete Möglichkeit, um Distanzen zu überwinden und unaufschiebbare Fragen zu klären. Aber das direkte Gegenübergespräch bleibt unersetzlich. Zu einem Gespräch gehört viel mehr als nur das Gesicht auf einem Schirm zu sehen oder die Stimme zu hören. Der gesamtheitliche Körperausdruck, der volle Klang der Stimme, das Umfeld, die Stimmung sind ebenso am Gesprächsergebnis beteiligt. Sogar der Geruchs- und der Geschmackssinn spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn nicht umsonst gibt es die Einladungen zum Festmahl oder zum Arbeitsessen. Gespräche sind eine Zeitfrage, Zeit ist knapp und damit legt man offen, wer einem wertvoll ist. Einander Zeit für ein persönliches und ruhiges Gespräch zu schenken, das gleichermaßen aus achtsamem Sprechen und interessiertem Zuhören besteht, ist in sich schon ein Freundschaftsangebot. Es ist eine starke Zuwendung mit einer gegenseitigen Aufwertung, die uns froh oder zumindest kompromissbereit stimmt. Politikerinnen und Politiker, die dies auf natürliche Weise tun, können viel erreichen. Das kürzeste Gespräch ist zum Beispiel ein aufmunterndes und persönlich ausgetauschtes „Guten Morgen!“ und das kann wahre Wunder bewirken!

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